Freitag, 25. März 2016

Ostergedanken

Erstmal allen, die mich so nett hier wieder begrüßt haben, einen besonders herzlichen Ostergruß. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
So viele Gedanken bewegen mich momentan, vor allem zur aktuellen politischen Lage. Ich gehöre hier nun wirklich zu den Betagten, fühle mich daher auch manchmal fehl am Platz. Aber ich habe so viel Freude an den kreativen Ideen , dass ich dann doch mich nicht verabschieden kann. Na ja, und dann kann ich auch den Mund nicht halten.
Ich bin bei Facebook angemeldet, aber eigentlich schreibe ich da nichts, sondern mein Sohn hat mir das eingerichtet, damit ich auch sehen kann, was meine Kinder, die dauernd weit weg sind, alles zu erzählen haben. So weit, so gut.
Jetzt ist es passiert: Meine Kinder sind eifrig unterwegs gegen den rechten Müll. Dadurch habe ich zwangsläufig mitbekommen, was unsere lieben Mitbürger da von sich geben, und ich war sprachlos. Also:
1. Ich bin bekennende Großmutter gegen Rechts.
2. Ich habe als Kind noch in Tümmergrundstücken gespielt und habe mich gegruselt bei dem Anblick von Waschbecken, die im 2. Stock im Nichts aus der Hauswand ragten.
3. In meiner Kindheit gehörten die sogenannten Kriegsversehrten zum Straßenbild.
4. Mein Vater war vor dem Krieg in seiner Freizeit begeisterter Photograph, Maler und Musiker. Seine Bibliothek ist im Bombenhagel verbrannt, und er hat weder noch einmal einen Pinsel in die Hand genommen, noch auch nur einmal sich an Klavier oder Orgel gesetzt.
5. Von den Nazis ist er als gläubiger Katholik als Jesuslatscher bezeichnet worden.
6. Als ich alt genug war, hat er mir erklärt, was passiert ist, was Krieg bedeutet und was es bedeutet, wenn man Menschen ausgrenzt. Außerdem gehöre ich wohl zu den wenigen meiner Generation, die einen vorzüglichen Geschichtsunterricht genossen haben. Damals habe ich geglaubt, so etwas kann nicht wieder passieren. Jetzt erleben wir, wie schnell das geht.

Konsequenz: ich versuche, bei Facebook ein wenig gegen den Müll zu schreiben.  Ich unterrichte 6 jugendliche Alleinreisende in Deutsch. Dabei habe ich gedacht, ich bin im Ruhestand. Meine Kinder helfen, soweit sie das schaffen, bei der Flüchtlingshilfe und werden mit Schicksalen konfrontiert, die kaum zu ertragen sind.
Am besten aber ist: ich erlebe in meinem engeren und weiteren Umfeld viele, viele, die helfen und die immer wieder darauf hinweisen, dass unser Land so großartig geworden ist, weil es so bunt ist.

Vor 100 Jahren wurden im Ruhrgebiet die "Polacken" beschimpft, die auf Arbeitssuche kamen. Nach dem Krieg waren es die Flüchtlinge, die beschimpft und verspottet wurden. Dann kamen die Italiener und die Türken, die Vietnamesen, die Russlanddeutschen, die Jugoslavienflüchtlinge. Haben die uns was weggenommen? Essen wir deshalb ein Brötchen weniger? Und dann der Clou nach der Wende: allgemeines Gejammer: wir können doch die Ossis nicht durchfüttern, wir müssen jetzt deren Wirtschaft retten. Und? Geht es uns schlecht deshalb oder reicht es nicht immer noch für die Butter auf's Brot?
Stellt euch mal vor, alle Ausländer würden dieses Land verlassen. Herr Seehofer, was dann?
Wir haben eine wirklich großartige Entwicklung genommen, das lassen wir uns nicht kaputt machen.

Dieses Buch habe ich vor vielen Jahren entdeckt: es erzählt die Geschichten von jüdischen Kindern, die schnell in anderen Familien oder mit einem Kindertransport in Sicherheit gebracht wurden und die nicht einmal winken durften, damit keiner was merkt. Ich unterrichte eine 15-jährige Syrerin, die als einzige von ihrer Familie fliehen konnte. Die Familie gehört zu den orthodoxen Christen Syriens. Mehr muss wohl nicht gesagt werden.


So einen langen Post habe ich noch nie geschrieben, und deshalb auch jetzt ein paar freundliche Osterbilder  mit dem Wunsch an alle für eine friedliche Osterzeit.




Kommentare:

  1. ein toller Post und es berührt mich und bin deiner Meinung was die rechte Szene von sich gibt. Dagegen müssen wir etwas tun!! Und wie wunderbar, dass du dich um syrische Flüchtlinge sorgst und kümmerst. Meinen ganzen Respekt gebe ich dir und wünsche dir ein frohes Osterfest.
    heiDE

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  2. iebe Magdalena,
    danke für diesen ausführlichen Bericht. Ja - so war es damals.
    Ich bin auch nicht mehr jung, gehöre also zu den Betagten.
    Habe erlebt, wie die Bombennächte waren, musste in den Luftschutzkeller
    und in den Bunker zur Schule. Auch ich kann meinen Mund nicht immer halten.
    Aber ich bin weder bei Facebook o.a. Mir genügt dieses Forum.
    Einen besinnlichen Karfreitagabend wünscht dir
    Irmi

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  3. ein sehr nachdenkenswerter und beeindruckender Post, der sicher bei vielen Lesern ein wenig länger nachhallt, man wünscht sich das sehr.
    Wer als Kind schon von den Eltern dazu angeleitet wird genau hinzugucken und nicht alles was man auf der Strasse erfährt wild nachzuplappern hat auf jeden Fall den Vorteil mit wachen Augen auch als Heranwachsende genauer hinzusehen und dies in die Erwachsenenzeit mit hinüberzuretten!
    Wir alle waren einmal irgendwann im eigenen Land Flüchtlinge und sind auch in den FRemdländern Fremde für jene, die uns dort herzlich und freundlich willkommen heissen, das vergessen wir leider allzuoft.
    Vielleicht sollten wir uns das öffentlich als Bewusstsein auf die Fahne schreiben und sie hissen, anstatt uns oft so fehlzuverhalten aus sicher nicht völlig unbegründeteten aber auch beherrschbaren Ängsten die gemeinsam zu schaffen sind.
    ein guter POst, der mir sehr gefiel..
    angelface

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  4. Ich hab dich gerade über Astrid gefunden, und bin richtig froh darüber. In den letzten Tagen habe ich von Sabine Bode "Kriegskinder" und "Kriesgsenkel" gelesen. Sehr erhellend, aber auch bedrückend. Ich finde es sehr beeindruckend, wie klar du dich äußerst gegen rechte Haltungen. Herzliche Grüße Ghislana, noch etwas jüngere Großmutter als du ;-)

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