Sonntag, 19. Juni 2016

Fußball?

...auch ein Thema. Mein Mann und ich verstehen vom Fußball schlichtweg gar nichts. Also gut: 22 Spieler. Punkt! Und natürlich Korruption, die ein Fressen für alle Kabarettisten ist. So weit so gut. Unsere Söhne und Schwiegersöhne sind unterschiedlich begeistert, aber alle haben Freude an einem spannenden Spiel und auch an diesem Sport. Da haben wir schon manchen fröhlichen Abend verbracht.
Momentan deprimiert mich einfach nur die entfesselte Gewalt, die das Bild der Fußballeuropameisterschaft prägt.. Aber es ist ja nicht nur der Fußball - es ist dieser entfesselte Hass, die Hemmungslosigkeit, den eigenen Frust in Gewalt auszuleben.
Ich möchte dem heute mal eine nette Familiengeschichte entgegenstellen:
Sie gehört zu dem, was wir Dönekes, kleine Geschichten, nennen.
1998 haben wir mit unserem jüngsten Sohn Paris besucht. Das war die Zwischenstation auf dem Weg zu unserem Urlaub an der Loire. Paris kenne ich gut und unsere Kinder sind alle immer gerne mitgefahren.







 Herrliches Sommerwetter! Als wir in die Nähe des Hôtel de Ville kamen, wunderten wir uns über all die hupenden Autos mit bunten Fahnen, über Menschenansammlungen an den Plätzen. Spätestens hier weiß jetzt jeder, dass wir in Sachen Fußball völlig hinter dem Mond sind. Plötzlich sagte unser 12jähriger Sohn: Mann, heute ist das Endspiel bei der Fußball-WM, Frankreich gegen Brasilien:
Es herrschte eine sehr ausgelassene und fröhliche Stimmung. Wir sind zwischen all den Menschen völlig entspannt bis zum Eiffelturm geschlendert. Wir hatten die Fahrt auf den Turm versprochen. Das hat mein Mann übernommen, denn ich habe fürchterliche Höhenangst. In der Zwischenzeit bin ich zum Trocadéro rüberspaziert. Davor war eine riesige Leinwand aufgebaut, aber wegen der Menschenmassen konnte man da gar nichts sehen. Als meine Männer zurückkamen, hatten sie beide ein breites Grinsen im Gesicht. Und was war so lustig? Ein Fußballfan ist auf den Eiffelturm gefahren und hat ein Francstück nach dem anderen in das Fernglas geschmissen, damit er so unten die Leinwand richtig erkennen konnte und vom Spiel möglichst viel mitbekam.
Wir sind durch Seitenstraßen zu den Champs-Elysées gelaufen. Die Leute in den Parterrewohnungen hatten alle die Fenster zur Straße weit aufgemacht und boten den Fans an, doch mitzuschauen und das schloss auch die Brasilianer ein. Irgendwann war klar, Frankreich hatte gewonnen. Der Arc de Triomphe wurde in den französischen Farben angestrahlt, es herrschte eine unglaubliche Ausgelassenheit. Die Menschen tanzten und sangen, und zwar Franzosen und Brasilianer. Die Franzosen trugen die typischen Maurice Chevalier Hüte und unser Sohn wurde in den Tanz einbezogen und bekam auch so einen Hut. Ihm wurde ständig auf die Schulter geklopft, als hätte er gewonnen. Wir konnten nur mit dem Strom mitlaufen, die ganzen Champs-Elysées hinunter. Wir bekamen so viel zu trinken angeboten, wir hätten nicht mehr gerade gehen können, wenn wir das alles angenommen hätten. Aber der Spaß war sehr ansteckend. Irgendwann mussten wir dann noch für ein paar Stationen die Metro benutzen, denn ein Taxi war nicht zu bekommen. Da war der einzige Moment, wo ich Angst bekam, denn da passte keine Stecknadel mehr zwischen die Menschen. Aber es blieben alle vernünftig und entspannt. Unser Sohn hatte den Hut jahrelang in seinem Zimmer hängen als Erinnerung an ein unerwartetes und grandioses Erlebnis, weil Menschen ein sportliches Ereignis fröhlich und ausgelassen gefeiert haben in einer der schönsten Städte der Welt und er war dabei.



Ich kann mir das so heute nicht mehr vorstellen, aber wir haben eine herrliche Erinnerung. Es wäre schön, wenn dieser Geist überleben würde.

 Die Bilder sind natürlich nicht von 1998.

Ich verabschiede mich mit einem Bild aus dem Garten des Musée Rodin und wünsche euch allen eine entspannte Woche.



Kommentare:

  1. Keine Ahnung warum und wieso, aber ich habe es doch ein wenig mit Fußball und weiß noch wie heute als das Endspiel 1974 lief, ich es als Kind gucken wollte und meine Mutter meinte umschalten zu müssen....da lief auf dem anderen Kanal ein Film mit einem Reh. Boa, war ich sauer....wütend ins Kinderzimmer kam meine Mum dann doch hinter mir her und meinte: "Na, komm schon, kannst gucken" Hach, war ich verliebt in Sepp Maier *gg*

    Ich gucke mir sehr gerne ein gutes Spiel an und dann gehe ich auch förmlich mit. Da geht es dann richtig ab. Allerdings auch nur positiv und ich finde es ebenfalls erschreckend was heutzutag in den Stadien und davor abgeht. Für mich gehören diese Randalierer sofort ausgewiesen und im eigenen Land dann heftigst bestraft. Sowas darf einfach nicht sein!! Ich kann es nicht nachvollziehen, und um so schöner deine Geschichte zu lesen. Da wird gerade zu solchen Zeiten viel dran gedacht und drüber gelacht wie geredet.

    Danke dir dass du sie mit uns geteilt hast.

    Liebe Grüsse

    N☼va

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    1. Ich kann Dir nur zustimmen. Spaß soll es machen, das könnte vor allem ja auch sehr verbindend sein. Danke für Deine lieben Grüße,
      Magdalena

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  2. Ja, die momentanen Bilder aus Frankreich lassen einen erschrecken und ich habe das Gefühl, sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz ist die Stimmung gedrückt, kein Wunder, wenn Krawalle und Anschläge die Schlagzeilen dominieren. Mir macht das alles Angst, wo soll das noch hinführen? Dabei soll Fußball doch einfach nur Spaß machen und die Welt ohne Worte verbinden.....Und das Schlimme, es ist kein Ende diese Terrors in Sicht, so können nur wir alle im kleinen dafür sorgen, dass die Welt ein Stückchen besser wird....
    Dir eine schöne Woche, Ophelia

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  3. sehr tolles Geschichtchen!! Gefällt mir sehr gut ... und dazu die wunderbaren Fotos aus Paris...da war ich schon lange nicht mehr leider, nun konnte ich mich an einiges erinnern.
    Liebe Grüße
    susa

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  4. Ach Paris...meine Lieblingsstadt...viele Dönekes habe ich auch von dort mitgebracht ( und auch viele andere Souvenirs ).
    Hast du eigentlich Romanistik studiert?
    LG
    Astrid

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    1. Oui, habe ich. Anglistik und Romanistik, zwei Korrekturfächer. Aber ich habe es nie bereut.
      LG
      Magdalena

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    2. Hab's mir doch gedacht...
      Ich habe es ja nun gar nicht mit Fremdsprachen. Und trotz heftiger Frankophilie bekomme ich Panikattacken, wenn ich einen franz. Satz sagen soll. Aber dafür habe ich mir kompetente Leute in die Familie geholt: eine Romanistentochter, einen franz. Schwiegersohn, eine kleine Mademoiselle. Und die neun Jahre Englisch in der Schule waren eine absolute Fehlinvestition. Ich war nur zweimal dort...
      LG

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  5. ...wir haben es auch nicht so mit Fußball - dafür gefällt mir deine Geschichte sehr gut!
    Und die Paris-Fotos - wunderschön! Es ist schon so lange her, daß ich dort war...
    LG Christiane

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  6. eine schöne Geschichte ;)
    ich hab auch nichts mit Fußball am Hut.. früher ahbe ich mit meinem Mann manchmal Nationalspiele geschaut..
    er war zum Glück auch kein absoluter fan..
    ich habe gelesen dass die Hooligans(aus Russland..sicher von anderswo auch ) nur dafür anreisen um sich zu schlagen und zu zeigen dass sie die Stärkeren sind..
    ich finde das grauenvoll..
    dann sollen sie sich in einem Boxverein tummeln.. :(
    liebe Grüße
    Rosi

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