Samstag, 2. Juli 2016

Geschichte gelebt und erlitten - schon wieder lernen?

Astrid hat auf ein Ereignis hingewiesen, von dem viele unserer Mitbürger nichts (mehr) wissen oder auch nicht wissen wollen. In den Nachrichten ist zwar von den Gedenkfeiern berichtet worden, aber ich fürchte, der eigentliche Inhalt dieses Gedenkens ist nicht mehr wirklich präsent.
Woran liegt das ? Da gibt es viele Gründe. Es ist lange her. Das Elend des 1. Weltkrieges wurde von der Massenschlächterei des 2. noch übertroffen und - zu meinem großen Erschrecken - hört man doch auch oft, es muss jetzt mal gut sein mit dem Gedenken. Das ist für mich blanke Verachtung der Opfer..
NEIN, es wird nie genug sein, und zwar aus dem einfachen Grund, weil das Ausmaß der Menschenverachtung jede Vorstellungskraft sprengt, weil ein Ereignis vor 100 Jahren bis heute das Bild von unvorstellbarem Grauen hervorruft. Vielleicht gelingt es, mit regelmäßigem Erinnern und Mahnen die Mehrheit der Deutschen und der übrigen Europäer daran zu erinnern, dass nichts, wirklich nichts über dem Gebot des friedlichen Miteinander steht. Wenn Pegida- und AfD-Anhänger hetzend und pöbelnd durch unsere Straßen ziehen, dann präsentieren sie sich als eine Schande für Deutschland. Dann auch noch die Parole vom christlichen Abendland auszugeben ist gerade in Sachsen schlichtweg lachhaft. Ich kann nur die Frage stellen: wo steht im Neuen Testament die Stelle, die sagt, wenn Menschen in Not zu Dir kommen, dann bau eine Mauer und schicke sie in ihr Elend zurück.
Astrid hat zur Somme das Richtige gesagt und sie hat auch auf die Texte der Zündler und Stimmungsmacher hingewiesen. Ich möchte das Ganze mal wieder durch eine kleine Geschichte aus unserer Familie ergänzen:

Vor vielen Jahren haben wir die Sommerferien mit unseren Kindern in der Normandie verbracht. Es waren wunderbare Ferien auf einem großen Gut. Leider habe ich keine digitalen Bilder. Die wunderbaren Städte an der Küste Honfleur und Deauville haben wir genossen, Städte, die sich auf den Bildern der Impressionisten finden. Ich greife auf Bilder aus diesem Buch zurück:
Alfred Pletsch  Frankreich   Verlag Harenberg.


Honfleur


Der Soldatenfriedhof von Saint-Laurent-sur-Mer oberhalb von Omaha Beach.
Der Besuch dieses Friedhofs war für unsere älteren Kinder ein erstes sehr eindringliches Erleben von Folgen des Krieges. Die Größe dieses Friedhofs kann hier nicht vermittelt werden. Ich finde noch heute keine Worte dafür. Selbst unsere jüngeren Kinder waren von sich aus still und ich werde nie vergessen, dass ich plötzlich vor einem Grab eines Mannes stand, der neben sich die Gräber seiner vier Söhne hatte. Da hilft der Spruch "im Tode vereint" nicht wirklich. Es waren zahlreiche amerikanische Familien da und ich war zunächst irritiert, dass sie sich mit Picknickkörben um die Gräber herumsetzten, aber dann hatte das für mich etwas sehr Rührendes. Wir besuchen dich mit einfachen Dingen und sind da.

Unsere Rückfahrt haben wir über die Route National genommen, über Amiens mit seiner herrlichen Kathedrale

Richtung Belgien. Auf dieser Strecke fährt man sehr lange an der Somme entlang durch eine idyllische Hügellandschaft mit weiten Ausblicken und vielen kleinen Orten. Jedem Populisten der neuen oder vielleicht schrecklich alten Rechten empfehle ich diese Fahrt. Es gibt kein Dorf ohne Soldatenfriedhof, französisch, englisch, deutsch, südafrikanisch, neuseeländisch, nepalesisch, australisch........
Es nahm kein Ende. Wenn wir über die nächste Hügelkuppe fuhren, konnten wir den nächsten Friedhof schon sehen. Es gibt an der Somme praktisch keinen Ort ohne Soldatenfriedhof. Man fährt durch eine blutgetränkte Landschaft.
Ihr könnt mir gerne glauben, dass Fahrten mit unseren Kindern ausgesprochen lebhaft waren, diese Fahrt war eine Fahrt in Stille mit vielen nachfolgenden Gesprächen

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!

Quelle: http://natune.net/zitate/Bertolt%20Brecht

Wir können uns heute an unserem friedlichen Leben, unseren Gärten, der Kultur, unseren kreativen Beschäftigungen erfreuen, weil die europäischen Länder sich besonnen haben auf ihre Gemeinsamkeiten ohne die Unterschiede zu vergessen. Die Alternative zu diesem Weg ist Isolation, Ende des Miteinander und damit unweigerlich der Weg zum Konflikt.

Astrid weist in ihrem Artikel auf einen CDUPolitiker hin, der sich mit völlig verschwurbelten Formulierungen aufbläst. Wer sich wappnen möchte gegen diese und andere Zündler, denen empfehle ich diese Bücher.

Liane Bednarz/Christoph Giesa   Gefährliche Bürger    Hanser Verlag
Wut, Verachtung, Abwertung: Rechtspopulismus in Deutschland hrsg. Friedrich-Ebert-Stiftung

Wehret den Anfängen!

Ich wünsche allen ein schönes und friedliches Wochenende.

Kommentare:

  1. Liebe Magdalena, und auch Astrid... vielen Dank für eure wertvollen Beiträge. Leider muß man immer wieder aufrütteln und darf nicht müde werden, genau das zu tun. Vielen Dank für eure Mühen! Liebe Grüße zu euch.

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  2. Mich hat deine Beschreibung der Friedhofslandschaft an der Somme sehr berührt. Ich habe es bis heute nicht geschafft, diese Gegenden im geliebten Frankreich aufzusuchen, weil ich Angst habe, es nicht ertragen zu können.
    Ich bin unendlich dankbar, dass sich der Wunsch meines Großvaters, Überlebender von Verdun, erfüllt hat und wir in unserer Familie unser ganz eigenes kleines Versöhnungsprojekt verwirklichen konnten.
    Aber auch in Richtung Osten, Polen, ist uns der Versöhnungsgedanke wichtig, und den Herrn K. hat sehr berührt, mit welcher Liebe die polnischen Restauratoren seine schöne Heimatstadt wieder instand gesetzt haben, die die Nazis der Zerstörung preisgegeben hatten. Er wusste sie in besten Händen und war dankbar.
    Und nicht zuletzt fand ich den polnischen Priester einen Glücksfall, der meinen Vater unter die Erde gebracht hat, und er so passende Worte fand für einen Menschen, der als Zwanzigjähriger in einen Krieg gegen sein Land geschickt wurde.
    Wir sind alle Menschen, gleich geschaffen, unter einem Himmel und das sollten wir uns nicht durch verbitterte hasser zerstören lassen. Das wühlt mich alles sehr auf.
    Einen schönen Sonntag!
    Astrid

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  3. Ich war noch nicht in Frankreich auf einem Friedhof, obwohl ein Onkel von mir dort begraben ist. Mein Bruder hat von einem jungen Franzosen der sich mit den < Toten und deren Geschichten< beschäftigt, einen wunderbaren Brief der Anteilnahme geschickt bekommen- nach so viel Zeit- und doch unvergessen. !! Das ist für mich: weiter darüber reden, an die nächste Generation- GEGEN DAS VERGESSEN
    Gruß zu dir
    heiDE
    PS. Danke für den Buchtipp
    heiDE

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