Donnerstag, 12. Oktober 2017

Kultur - eine Frage

Da fragen wir doch mal das Lexikon:

Gesamtheit der typ. Lebensformen größerer Menschengruppen einschl. ihrer geistigen Aktivitäten, bes. der Werteinstellungen. (DIE ZEIT, Das Lexikon)

Ich greife manchmal gerne auf Bücher "in echt" zurück und erinnere mich mit einem Schmunzeln an die Zeit ohne Wikipedia - ganz verblödet sind wir ja damals nicht.
Liebe Astrid, mit dem Thema hast Du einen Volltreffer gelandet, vor allem, weil ich glaube, dass es selten wichtiger war als jetzt, über diesen Begriff nachzudenken.

1. Leider fällt mir als erstes ein, dass im Politikgeschwafel das Wort von der "deutschen Leitkultur" auftauchte. Das erinnert mich immer an "Leithammel". Ich war der Meinung, dass wir diesen Unsinn hinter uns haben. Das hat die deutsche Kultur auch nicht verdient. Vielleicht erinnert ihr euch an den Spruch "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen". Damit war ursprünglich etwas sehr Positives und Friedenstiftendes gemeint, ist aber leider gründlich missbraucht worden. Hier könnt ihr nachlesen.
2. Für mich lebt Kultur auf vielen verschiedenen Ebenen. Immer hat es mit Gestaltung zu tun und die gestalterischen Kräfte der Menschen haben im Laufe der Jahrtausende zu dem geführt, was wir heute leben.
3. Wer einmal länger im Ausland gelebt hat, merkt relativ schnell, dass es Unterschiede gibt. Am schnellsten fällt wahrscheinlich das Essen auf. Oft ist es auch das Verhalten im Straßenverkehr, der allgemeine Umgangston. Man kann von Gepflogenheiten sprechen, aber die machen durchaus Kultur aus. Da gibt es auch nicht nur nationale sondern auch regionale Unterschiede. Deutsche werden z.B. im Ausland oft als ausgesprochen unfreundlich erlebt, wobei ich inzwischen glaube, dass sich da vieles verbessert hat. Und das wiederum liegt daran, dass viele Menschen bei ihren Reisen erlebt haben, wie freundlich man ihnen begegnet. Es hat ein Kulturaustausch stattgefunden auf einer sehr einfachen Ebene.
4. In vielen Äußerungen drückt sich die Angst vor Überfremdung aus. Dabei ist das gar nicht nötig, denn wir dringen mit unseren Begriffen und Verhaltensweisen durchaus auch in andere Kulturräume vor. Es ist sehr erstaunlich, wenn man sich mal vor Augen führt, wieviele deutsche Worte z.B. im Englischen einfach übernommen wurden: Angst, Kindergarten,Bildungsroman, Dreck, Energiewende(hört,hört!), Gemütlichleit(dann ohne Ü-striche) u.v.m.
5.Ja, es ist so, wir begegnen in unserem Alltag vielen Dingen, die unseren Eltern noch völlig unbekannt waren, und gerade das empfinde ich meist als große Bereicherung. Aber selbst bei den vielen ausländischen Restaurants muss man sich klar machen, dass das hier in Deutschland selten wirklich die typische Küche aus dem jeweiligen Land ist. Meistens sind die Gerichte eingedeutscht. Eine Pizza in Italien, Deutschland, Frankreich oder Schweden schmeckt total unterschiedlich. Ich finde es immer sehr unterhaltsam, dass japanische Touristen sich an einer fetten Schweinshaxe abarbeiten, die ich als Deutsche einfach nur eklig finde.
6. Das alles sind Begleiterscheinungen. Interessant wird es , wenn wir uns den Wertvorstellungen zuwenden. Da sind wir dann auch sehr schnell bei religiösen Werten, Moral und Einordnungen. Was ist richtig, was ist falsch? Es geht um das Miteinander. Schaffen wir es, das Miteinander in unserer Gesellschaft so zu gestalten, dass jeder Einzelne seine Würde behalten kann?
Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Ich kann es auch biblisch ausdrücken: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.

7. Wenn ich den Begriff der Kultur positiv denke, funktioniert das nur, wenn ich mich dem Miteinander zuwende. Ohne Miteinander gibt es keine Kultur, egal, an welchen Bereich ich denke:  Musikkultur, Literaturkultur, Gesprächskultur, Diskussionskultur......
8. Damit bin ich aber auch bei der Identität verleihenden Kultur, d.h. bei unserer kulturellen Geschichte, bei unserer Sprache, unserer Musik, unseren Geschichten, unseren Liedern, unserem Brauchtum, unseren Formen des Umgangs miteinander, z.B. dem Händeschütteln oder den Bises bei den Franzosen, den Verbeugungen der Japaner. Man kann zu Recht bemängeln, dass sich in unserer Alltagssprache zu viele Anglizismen finden. Es liegt aber auch an jedem einzelnen, die deutsche Sprache bewusst zu pflegen. Wir haben einen norwegischen Freund, der sehr gut Deutsch und ein perfektes Englisch spricht. Er hat mir einmal gesagt, dass er an der deutschen Sprache die unglaubliche Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten liebt. Ich habe mich dann bewusst diesem Thema zugewandt und muss sagen, es stimmt. Es wird einem erst bewusst durch den Vergleich mit einer anderen Sprache. Die Details würden hier zu weit führen. Nur so viel: Der Sinn eines Satzes entsteht nicht nur durch die Aneinanderreihung von Worten, sondern wesentlich durch die Reihenfolge der Worte. Was kommt zuerst? Was wird nachgestellt? usw. Ausländer müssen sich beim Erlernen der deutschen Sprache ganz schön abrackern, da ist die französische Grammatik ein Kinderspiel. Das Komplexe der deutschen Sprache ist allerdings auch ein Schatz und für mich Teil meiner kulturellen Identität.

9.Kultur ist etwas sehr Lebendiges, das sich tagtäglich verändert, und zwar durch jeden Einzelnen. Wenn ich all diese Aspekte betrachte, lebt Kultur wo auch immer nur dann, wenn sie den Respekt für den und die, die anders sind, beinhaltet. Kulturaustausch heißt nicht, dass alles gleich gemacht wird, sondern dass man sich gegenseitig bereichert und manchmal die eigene erst durch den Vergleich schätzen lernt.

10. Wenn in Deutschland ein AfD-Politiker vor einer Vermischung der Völker warnt, dann ist das traurig und lustig zugleich. Kaum ein europäisches Volk ist so sehr "Mischvolk" wie die Deutschen. Die Römer haben von den Germanen gesprochen. Die Sammelbezeichnung war für sie halt einfacher. Tatsächlich waren es die Alemannen, die Bajuwaren, die Vandalen, die Sueben, die Gepiden.... um nur einige zu nennen. Im Laufe der Jahrhunderte sind durch unser Land die Römer, die Hunnen, die Kelten, slawische Stämme, die Wikinger, die Italiener, die Franzosen, die Polen, usw., usw. gezogen. Da wir wohl getrost davon ausgehen können, dass diese Menschen sich keinem Keuschheitsgelübde unterzogen haben, kann sich jeder ungefähr ausrechnen, wer da alles mitgemischt hat.

Und das ist gut so.

Und zum Schluss: Ich kenne noch den Mief der 50ger Jahre. Nein, danke! Ich bin sehr glücklich, dass die Mehrheit der Deutschen die Vielfalt liebt und lebt. Das ist Freiheit, die Kultur erst möglich macht. Ich glaube, die Kultur einer bestimmten Gesellschaft wird erst zum leuchtenden Reichtum durch den Austausch, das Wechselspiel mit anderen Kulturen. Dafür ist es notwendig, dem anderen mit Respekt zu begegnen.

Was mir z.Zt. Sorgen macht, ist, dass es auf der ganzen Welt auf höchster politischer Ebene den völligen Mangel an Kultur zu beklagen gibt. Aber - nicht verzagen. Es gibt z.B. unsere reiche Zeitungswelt in Deutschland. Nirgendwo sonst gibt es solch eine Vielfalt an anspruchsvoller journalistischer Tätigkeit. Wir haben eine sehr lebendige Theater- und Musikwelt. Es gibt - nicht nur in der Vergangenheit - eine Fülle an hervorragenden Büchern. Einmal ohne Zeitnot durch eine Buchhandlung gehen - welch ein Luxus.
Das alles ist nicht von heute auf morgen entstanden, sondern über viele Jahrhunderte gewachsen und immer wieder befruchtet durch Menschen, die aus anderen Teilen der Welt zu uns gekommen sind.
Unser kultureller Reichtum ist das Ergebnis von Willkommenskultur.

Hier nur mal ein kleines Beispiel wie bunt im wahrsten Sinn unser Land im 13. und 14.Jh. war, da war von Deutschland überhaupt nicht die Rede, geschweige denn von einer deutschen Kultur.
Den Nationalstaat Deutschland gibt es erst seit 1871 und der sah anders aus als die BRD.


Wir sind aus einem bunten Haufen hervorgegangen, und das gefällt mir.

verlinkt mit herzlichen Grüßen bei Astrid


Kommentare:

  1. Liebe Magdalena, wie sinnfällig zeigen deine Ausschnitte aus alten Atlanten, wie es um unseren Nationalstaat bestellt war! Es ist ja O.K., dass es den jetzt gibt. Aber das menschliche bzw. gesellschaftliche Leben ist ständigem Wandel unterworfen und ein Zurück zu gestern hat es in der Geschichte nie gegeben ( eher einen Rückschritt, wenn ich z.B. an die zivilisatorischen Standards im römischen Köln denke und die Verschlechterungen nach der Eroberung durch die Franken, die bis ins 19. Jahrhundert nicht völlig aufgeholt worden sind ). Kultur ist auch Veränderung und die Fähigkeit, damit zurechtzukommen. Demokratie stellt eine hohe Anforderung an die Selbstidentifizierung. Man kann nur mit sich selbst im Einklang bleiben, wenn man willens und fähig ist, sich auch mit rivalisierenden anderen Egos konstruktiv zu arrangieren. Die kulturelle Identität, wie sie von Rechtspopulisten propagiert wird, prämiert passives Festklammern und ist unlebendig, wenig menschlich. So erlebe ich es.
    Du siehst, ich denke nach wie vor über das Thema nach und freue mich, dass du es mitmachst. Danke dafür!
    Bon week-end!
    Astrid
    Interessant die Anmerkungen der Fremdsprachlerin! Da bin ich ja Laie...

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  2. Das hast Du wirklich schön geschrieben liebe Magdalena.
    Da meine Mutter aus Finnland stammt, habe ich von klein auf verschiedene Ansichten kennengelernt. Als sie damals in 50igern hierher gekommen ist, dachten alle von Finnland: Kalt, Rentiere, Elche, Seen und mehr gibts da nicht.
    Wie erstaunt war aber meine Mutter die in das fortschrittliche Deutschland wollte über den Badetag am Samstag - das gab es nicht in Finnland, da ging man jeden Tag in die Sauna und in den See oder unter die Dusche - sie fand das ziemlich erschreckend und das kam für sie auf keinen Fall in Frage 1x in der Woche baden ... Sie änderte so einiges und vieles habe ich als Kulturmisch-masch übernommen.
    Es gibt so viele Unterschiede zwischen Finnland und Deutschland, ein wichtiger: Finnische Autofahrer halten nie an Zebrastreifen, sie finden das unnötig. Wenn jemand für Dich bremst ist das garantiert ein Tourist und der der dann hupt ein Finne ;-)
    Liebe Grüße
    Kirsi (die sich finnisch-deutsch in genau dieser Reihenfolge fühlt, auch wenn ich am Zebrastreifen halte ;-)
    Ist das noch ein alter Diercke-Atlas aus der Schule?

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    1. Liebe Kirsi, den Schock Deiner Mutter kann ich mir lebhaft vorstellen. Ich kann es auch gar nicht vertragen, wenn jemand sagt "Früher war alles besser". Ich bin froh, dass diese Zeiten vorbei sind.
      LG
      Magdalena

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  3. Hallole,
    ich habe gelesen, dass Anglizismen das Imponier-Deutsch ist. Ich glaube, dass da was dran ist.
    Jaaa, und was wären wir ohne Wikipedia, ich schau auch gerne mal nach, aber lieber ist mir doch das Buch.

    Ich raste auch fast aus, wenn mir jemand mit Happy Birthday zum Geburtstag gratuliert, warum kann man das nicht auf Deutsch und das deutsche Lied dazu singen?
    Man hat heute einen "Flow" und man hat das finde ich am schlimmsten "Hot Holder". Na, wenn das nix isch.

    Lieben Gruß Eva

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    1. Ja, da ist eine Menge Quatsch unterwegs. Mit dem Geburtstagslied geht es mir genauso. Es ist halt schlimm, wenn mehr gefaselt als geredet wird.
      Eine gute Woche wünsche ich Dir.
      Magdalena

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  4. Ein sehr schöner, vielfältiger Beitrag... sehr plastisch mit den alten Karten... und "die Deutschen" als "bunter Haufen" gefällt mir sehr gut.
    Liebe Grüsse Maren

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  5. Du hast so Recht, in einem bunten Haufen fühle ich mich gleich viel viel wohler. Gut, was du alles herausgearbeitet hast. Es ist tatsächlich sehr spannend sich damit mal zu beschäftigen. Auch wenn es wie bei mir nur ein paar Anmerkungen geworden sind. Aber das Thema geht mir seit Astrids Aufruf tatsächlich gar nicht mehr aus dem Kopf. Lieben Gruß Ghislana

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  6. sehr schön dein Beitrag..
    ich kann leider nichts dazu beitragen..
    ich bin Kunst und Kulturbnause ;)
    ich lese keine kulturrelevanten Bücher.. besuche keine Kunstgalerien .. gehe nicht in Konzerte oder in die Oper ..
    für mich ist Kultur .. dass man sich anständig benimmt
    auch Srache ist keine Kultur für mich..
    nicht jeder der z.B. deusch spricht hat damit schon Kultur
    alles was so typisch für ein Land bezeichnet wird fällt bei mir unter den Begriff Folklore oder Brauchtum..
    schön wie du darlegst dass die "Germanen" ein Mischvolk waren
    das sollte man den AFD lern immer wieder unter die Nase halten ..
    die Wesenszüge eines Volkes z. B. Fleiß und Pünktlichkeit sind auch keine Kultur
    sondern anerzogen und weiter gegeben
    es löst sich ja auch mitlerweile auf .. welcher Jugendliche möchte noch so malochen wie seine Eltern und Großeltern..
    Leitkultur.. da schüttelt es mich immer wenn ich das höre..
    ich denke auch das Kunst und Kultur sehr eng zusammen gehören..
    Menschen die keinen Bezug zu Kunstwerken und z.B.keine Ehrfurcht vor dem haben was andere Menschen geschaffen haben werden sehr schnell zu Barbaren (wie könnte man sonst alte Tempel zerstören :()
    ach ja.. es ist wie es ist.. und nicht immer gut..
    liebe Grüße
    Rosi
    für mich ist Kultur dass man sich anständig benimmt

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