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Dienstag, 29. August 2017

Nachdenken

Meine Sommerreise wird heute nochmals unterbrochen, weil ich mich mal wieder unserer Gesellschaft und den bevorstehenden Wahlen widmen möchte. Astrid hat schon einiges Lesenswerte gepostet.
Ich versuche es mal ganz nüchtern - wird mir nicht ganz gelingen -, aber ich bemühe mich.

Die Fähigkeit zu denken hat die Menschheit dazu verführt, sich als die Krone der Schöpfung zu betrachten. Dass diese Einschätzung mit äußerster Vorsicht zu genießen ist, wird uns tagtäglich vor Augen geführt. Es reicht ein Blick in die USA, in die arabische Region, auf unsere deutschen Straßen und Plätze mit den weit aufgerissenen Mäulern grölender Hetzer.

Trotzdem: die Fähigkeit zu denken, macht uns zu sehr besonderen Geschöpfen. Das Problem ist nur, dass wir ja nicht denken müssen, sondern lediglich denken dürfen.

Nun betrachten wir auch diese Tatsache positiv: jedes Kind freut sich, wenn es etwas darf. Etwas zu dürfen, bedeutet immer so etwas wie verbesserte Lebensqualität. Ein Kind darf länger aufbleiben: strahlende Augen. Etwas zu müssen bedeutet Verpflichtung und Mühe. Da trübt sich der Blick.
Kleine Anekdote: Meine jüngste Tochter brachte in der 5. oder 6. Klassse eine Klassenkameradin mit nach Hause. Das war hier auch nie ein Problem, da saßen dann auch mal noch 3 Kinder mehr mit am Tisch. Genauso selbstverständlich war aber auch, dass nach dem Essen gemeinsam ab- und aufgeräumt wurde. Große Augen und blankes Entsetzen bei der Klassenkameradin :" Müssen bei euch die Kinder arbeiten?" Meine lapidare Antwort "JA!" und das breite Grinsen der Kinder sorgte für totale Verwirrung. Muss ich noch erwähnen, dass dieses Kind nie wieder kam?

Unser GG sichert uns jede Menge "Dürfen" zu: wir dürfen sagen, was wir wollen (ausgeschlossen natürlich Beleidigungen oder Aufrufe zu Straftaten ..., glauben was wir wollen, wohnen, wo wir wollen, reisen, wohin wir wollen, wählen, was wir wollen. Diese Rechte gilt es zu bewahren.

Womit wir beim Thema wären. Gerade für uns Frauen ist das Wahlrecht noch etwas sehr Besonderes, sollte es jedenfalls sein. Es ist noch keine 100 Jahre alt. Hier kann nachgelesen werden.

Die Demokratie ist eine anstrengende Gesellschaftsform, weil sie von der Beteiligung ALLER Bürger lebt, d.h. von der Vielfalt. Wahlergebnisse wie in der DDR sorgen eher für Stirnrunzeln. Die Demokratie lebt an erster Stelle vom WAHLRECHT. Es macht mich wirklich zornig, wenn ich höre, dass 70% Wahlbeteiligung gut sein soll. Ja, geht's noch dümmer? Wer aus Protest, weil er sich nicht gut vertreten fühlt, nicht zur Wahl geht, hat seine Stimme auf den Müll geworfen bzw. für die extremen Parteien gewählt. Die Nichtwähler sind keine Nichtwähler, sie wählen vor allem die Rechten.
Dann begegnet man überall der so beliebten Politikerschelte "... die da oben....die denken nur an sich...usw." Wer so redet, der sei aufgefordert, einmal genau mitzuverfolgen, was allein schon Kommunalpolitiker für einen Stundenplan haben und was die und ihre Familien allein im Internet aushalten müssen. Meine Antwort auf diese Schelte ist immer : warum gehst du nicht selbst in die Politik und versuchst, es besser zu machen?

Wir können gerade überall auf der Welt, auch in Europa - Polen, Ungarn - beobachten, dass rechtspopulistische Parteien versuchen, die Grundlagen der Demokratie zu beseitigen. Das fängt bei der Gewaltenteilung an. In Polen, der Türkei, in Venezuela versuchen die Machthaber die Stellung der Justiz zu unterminieren, denn die unabhängige Justiz ist der Widerpart der Regierung.
Beispiel: In der DDR wurde bei Gericht Protokoll geführt. Nach der Verhandlung wurde das Protokoll zur SED-Parteizentrale geschickt, dort wurde es so zurechtgestutzt, wie es politisch gewollt war, das Urteil wurde von der Parteizentrale dem Richter nur noch zur Unterschrift vorgelegt. Was das heißt, kann man sich vielleicht vorstellen, wenn man einmal den Prozess gegen Robert Havemann nachverfolgt.
Ein weiterer Schritt gegen die Demokratie ist die Einschränkung der Pressefreiheit. Es gibt wenige Länder, die so eine vielfältige Presseszene haben wie die Bundesrepublik, ein Grund, stolz zu sein. Dass wir bei der Gefährdung der Pressefreiheit nicht zu irgendwelchen Nachbarn schauen müssen, zeigen die unsäglichen Pöbeleien der Rechtsextremen, aber es sei auch an die Spiegelaffäre erinnert.
Aber auch im "Kleinen" erleben wir das. Hier musste eine Zeitung sehr vorsichtig werden, nachdem sie einen finanzstarken CDU-Politiker wegen seiner nicht mehr zu übersehenden Kungeleien angegriffen hatte. Es kam der dezente Hinweis, dass sämtliche Anzeigen der hiesigen Wirtschaft storniert würden, wenn die Kritik nicht aufhört.

Was liegt mir am Herzen? Bitte geht alle wählen. Unsere Zielsetzungen sind unterschiedlich. Aber wir haben alle eine Verantwortung: wir müssen schöpferisch tätig sein und mithelfen, die Probleme der Zukunft zu regeln. Das geht auch im ganz Kleinen.
Die Diskrepanz zwischen Arm und Reich ist eine echte Bedrohung. Das muss sich ändern. Im Grundgesetz steht nicht "Jeder sei sich selbst der Nächste", sondern "Eigentum verpflichtet".

Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz, wir sind eine bunte, vielfältige Gesellschaft, und das ist gut so. Der bayrische Stammtisch bietet keine Lösungen.

Wir brauchen eine nachhaltige ökologische Landwirtschaft. Wer das nicht glaubt, dem sei eine Fahrt durch Gülleland (Kreis Cloppenburg und nördliches Münsterland) empfohlen.

Wir brauchen Politiker, die den Herren Trump, Erdogan, Kaczynski, Orban etc. mit klarer Kante entgegentreten. Wir müssen also wählen gehen, damit unsere Vertreter stark genug auftreten können, denn ohne unsere Unterstützung geht das nicht.

Wir brauchen eine andere Verkehrspolitik. Das begreift jeder, der im Ruhrgebiet oder Rheinland unterwegs ist. Warum begreift auch die Bevölkerung nicht, dass allein der Straßenbau keine Lösung ist? Die Luft in den Städten wird nur dann besser, wenn der öffentliche Nahverkehr ausgebaut wird. Es genügt ein Blick nach Zürich und Kopenhagen. Es ist doch gar nicht so schwer, solche Veränderungen in Angriff zu nehmen. Allerdings: wir müssen das auch alle wollen. Nur dann können unsere Enkel frei atmen.

Veränderung muss sein und dazu gehört eine ordentliche Portion Mut. Das "weiter so" ist eine Sackgasse.

Freiheit ist ein Gut, das durch Gebrauch wächst, durch Nichtgebrauch dahinschwindet.
Carl Friedrich von Weizsäcker

Zum Schluss noch das

Ich stimme zu

So etwas freut mich

 Ich wünsche uns allen Freiheit, Vielfalt (da passt auch der Buddha in die Dünen auf Norderney) und einen weiten Blick.



Kommentare:

  1. Verantwortung, verantwortlich sein eigenes Leben in die Hand nehmen - gerade in dieser, meiner Zeit der Rekonvaleszenz beschäftigt mich das heute auch sehr. Mir gefällt gut, dass du deine Gedanken so "zu Papier" bringst für uns alle. Danke!
    Herzlichst
    Astrid

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  2. Hallo,
    was dümmeres wird es wohl nicht geben, einfach nicht zu wählen. Wir haben ein Recht auf das Wählen und das sollten wir auch tun.
    Ich habe meine Stimme schon per Briefwahl abgegeben, denn für mich war klar, was ich wählen werde.
    Es sind ja nicht viel Alternativen da.

    Ich bin mit der SPD eng verbunden und habe mich auch hier wieder dahingehend entschieden.
    Frau Merkel ist aber auch für mich keine Option, obgleich ich diese Frau schon bewundere, wie sie sich behaupten kann. Wie auch immer. Mehr möchte ich aber hier nicht schreiben.

    Ja, wir brauchen dringen deine andere Verkehrspolitik, aber das habe ich nicht zu entscheiden.
    Ich bin mit Herrn Schulz auch nicht sooo glücklich aber er erscheint mir sehr gut und ich gebe ihm eine Chance. Wer weiß vielleicht kann er das machen und wenn nicht, eine starke Oposition ist auch sehr wichtig.

    Lieben Gruß und danke für deinen Post.
    Eva

    Mit lieben

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  3. was vergessen:

    Was alleine ein Landtagsabgeordneter arbeitet und auch bezahlen muß (hier wegen der allgemeinen Aufregung über Diätenerhöhungen) habe ich erfahren, als ich einen Besuch vor einigen Jahren im Landtag Baden-Württ. durchgeführt habe.

    Ich finde es gut, dass sich "die da oben" so engagieren, nun ja, Macht ist halt auch eine ganz besondere Sache. Aber ich wollte kein Politiker sein.

    Alleine Landtagsabgeordnete müssen die meisten Dinge aus eigener Tasche bezahlen und und und.
    Dass sie wie auch Bundestagsabgeordnete nicht zu jeder Sitzung gehen, das ist doch klar. Wenn das Thema der Sitzungen eben nicht zum Themengebiet des Landtags- bzw. Bundestagsabgeordneten gehört, braucht er ja auch nicht vor Ort zu sein. Würde ich auch nicht tun.

    Mein Sohn war lange genug in bei den Jusos hier vor Ort und weiß, was es heisst, in einer Partei zu arbeiten.

    Nochmals Grüßele Eva

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    1. Ich stimme völlig mit Dir überein. Mir wäre auch Schulz lieber als Merkel, aber Du hast Recht: eine starke Opposition ist wichtig.
      LG
      Magdalena

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  4. Liebe Magdalena,
    einen wichtigen Appell hast Du geschrieben. Ja wir gehen immer wählen und haben das unseren Kindern auch so vorgelebt - nicht-wählen geht gar nicht.
    Jeder Ruck in eine ganz bestimmte Richtung ist in meinen Augen falsch.
    Zu der Tischgeschichte (da musste ich schmunzeln), unsere Mädchen haben auch oft Essensgäste mitgebracht, meine Erfahrung war aber, auch wenn die Kinder das nicht kannten, haben sie sehr gerne mit abgeräumt und kamen auch gerne wieder (ob sie das natürlich auch zuhause dann machten weiß ich nicht).
    Probleme bei den ersten Klassenfahrten gab es dann beim Betten beziehen, ich staunte nicht schlecht, als eine Mutter in der 7. Klasse (!) verkündete, und wer soll dort die Betten beziehen, mein Sohn kann das nicht ...
    Himmel da musste ich mich echt zusammenreißen, um nicht laut loszulachen ;-) An so kleinen Arbeiten kann man doch auch die Kinder schon beteiligen und sie machen das meist auch gerne (im Laufe der Zeit kann sich der Enthusiasmus dann etwas verflüchtigen).

    Nun wünsche ich Dir einen schönen Dienstag und sende liebe Grüße
    Kirsi

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    1. Ach ja, so lustige Äußerungen auf Elternabenden kenne ich auch. Meine Anekdote war auch die totale Ausnahme, ich muss auch immer noch grinsen.
      Danke für die Grüße
      Magdalena

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  5. Die Demokratie bekommt man nicht geschenkt, wir sind für sie verantwortlich, jeder einzelne im Lande sollte zur Wahl und eine demokratische Partei wählen. Ich möchte zur Zeit nicht in Ländern leben, wo die Demokratie in Gefahr ist.
    Ich sage zwar ab und zu am Frühstückstisch..."das müsste ja nicht sein, dass man gleich am frühen Morgen all diese schrecklichen Nachrichten liest", aber die Vogel-Strauß-Methode, wäre denn doch verkehrt. Wir leben hier und müssen Augen und Ohren offen halten.
    Magdalena, dein Beitrag sagt alles was ich denke. Dankeschön!
    Herzlichst, HanLo

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  6. die Verantwortung liegt an uns selber und die wo nichts machen aber auch hinstehen und gross Reden schwingen beim Nachbar und trotzdem nichts wählen sind solche Menschen denen ist das nicht bewusst wa ssie dmait nichts erreichen.Ich finde es gut was du schreibst. So vieles muss verändert werden und nicht sagen es soll bleiben beim alten also wähle ich das wie immer nach 10 Jahren .. was soll das, frage ich mich! Denken und handeln dass es uns wieder besser geht heisst es doch überlegen wie und wer was will!
    Informieren mit gestalten und wählen gehen!
    Danke für diesen Beitrag der war sehr gut!
    Lieben Gruss Elke

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  7. Da kann ich Dir nur in allen Punkten zustimmen. Genauso habe ich es bislang gehalten und auch meinen Kindern mit auf den Weg gegeben. Meine mittlere Tochter, die Politik studiert hat, lebt nun in Trumpland und leidet unendlich...
    Liebe Grüße
    Andrea

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  8. Ich stimme Dir vollkommen zu Magdalena und danke das Du es noch einmal so wunderbar zusammengefasst hast. Vielleicht hast Du damit ja doch den einen oder andern nicht Wähler überzeugt.
    Liebe Grüße
    Sigi

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  9. sehr schön geschrieben
    ich rege mich auch immer auf über die Stammtischparolen
    schon so manchem habe ich gesagt..geh doch in die Politik
    wenn es da so leicht ist
    schau ob du es besser kannst
    was gar nicht geht
    und das grassiert wohl erst so seit es das Internet gibt
    ..die Beschimpfungen von Politikern
    was da teilweise geschrieben wird gehört eigentlich angezeigt und verurteilt
    Meinungsfreiheit hin oder her
    das sind Beleidigugen der übelsten Art
    die Fähigkeit zu denken geht leider nicht immer in die richtige Richtung ;)

    liebe Grüße
    Rosi

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  10. barbaras spruch ist wieder einmal genial! und deinen aussagen stimme ich voll zu!!
    liebe grüße
    mano

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