Mittwoch, 29. Juni 2016

Lebensstationen - was zum Lernen?

Selbst im eigentlich doch ruhigen kreativen Bloggerland hinterlassen die jüngsten Ereignisse Spuren. Die Äußerungen sind sehr unterschiedlich, es überwiegt -erfreulicherweise - die große Sorge um die großartige Idee des vereinigten Europa. Aber da auch auf Äußerungen eines Dr. Maximilian Krah hingewiesen wird, muss ich mich dazu äußern. Eigentlich mache ich keine Reklame für solche Politiker, aber ich weise hier mal auf seinen Artikel hin, damit sich jeder ein Bild machen kann. https://maximiliankrah.wordpress.com/2016/06/26/brexit-die-rueckkehr-der-ideen-in-die-politik/ Wenn ein CDU-Politiker sich auf  Herren wie Hofer und Orban beruft, dann wird deutlich, dass er der rechtspopulistischen Szene zuzurechnen ist. Hier hat jemand die grundlegenden Ideen eines vereinten Europa nicht einmal ansatzweise verstanden. Sein Artikel besteht aus plumpen Behauptungen und Unterstellungen. Den Akteuren die immateriellen Werte abzusprechen, auf denen unsere Zivilisation ruht, ist blanke Hetze. Er gehört zu denen, die nicht verstanden haben, dass die EU an erster Stelle eine auf immateriellen Werten gegründete Einrichtung ist, ein auf Frieden, Freiheit und politische Teilhabe ausgerichtetes Vorhaben von größter politischer Bedeutung. Norbert Hofer und Victor Orban sind Rechtsradikale und Faschisten. Wer sich auf diese Politiker beruft, hat sich selbst gut eingeordnet. Auch das Gerede von der steigenden Kriminalität ist reine Stimmungsmache, es sei denn, er meint die erschreckende Zunahme an rechtsradikalen Übergriffen auf Asylanteneinrichtungen. Im übrigen sinkt die allgemeine Kriminalität seit Jahren.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es übereinstimmende Praxis ist, Flüchtlinge keinesfalls nach Ungarn zurückzuschicken, denn die Berichte über Übergriffe in ungarischen Einrichtungen sind zu erschreckend.
Die im Artikel geäußerte Auffassung, dass die Herrschaft über das eigene Land nur gegen die EU zu haben sei, dass die EU nur ein rein ökonomisches Projekt sei, dass Identität und Eigenverantwortung nur gegen und nicht in der EU zu finden seien und erst mit dem Brexit zurück auf der politischen Bühne seien, das ist nicht nur sehr plump und populistisch, es ist böswilliger Unsinn.
Interessant ist, dass in England deutliche Katerstimmung aufkommt. Ein Redakteur der SUN, der sich vehement für den Brexit eingesetzt hat, jammert jetzt, er hätte das nicht getan, wenn er gewusst hätte, welche Folgen das hat. Was soll man dazu noch sagen? Was der Brexit uns allen deutlich vor Augen führt: wenn eine Bevölkerung sich von Parolen verführen lässt und sich nicht konkret und genau informiert, ist das der Weg ins Aus. Ein Freund meines ältesten Sohnes lebt in Warschau, er ist mit einer Polin verheiratet und er berichtet, dass vor allem den jungen Polen gerade auf eine sehr bittere Art klar wird, dass man zur Wahl gehen muss. Die Rechten konnten nur an die Macht kommen, weil die Wahlbeteiligung so gering war.
Mehrfach habe ich die Äußerung gelesen, dass das ja alles nicht so schlimm wäre, Großbritannien könne ja den Status von Norwegen und der Schweiz einnehmen. Hier liegt ein großer Irrtum vor:

Norwegen und die Schweiz sind Mitglieder der EEA(European Economic Area) und haben deshalb, und nur deshalb, Zugang zum EU Binnenmarkt. Mitgliedschaft in der EEA bedeutet aber
1. die Geltung von EU Recht(ausgenommen Fischerei und Agrarrecht)
2. Zahlung von Beiträgen
3. Aufrechterhaltung der EU Grundfreiheiten, darunter vor allem die Freizügigkeit, eben auch für EU Bürger aus Osteuropa.
Die LEAVE Kampagne hat den britischen Bürgern versprochen:
1.EU Recht gilt nicht mehr
2. keine Zahlungen mehr an die EU
3.keine Freizügigkeit, insbesondere für Osteuropäer nach England.
Wenn es die Brexit-Leute also ernst meinen, dann gilt das Norwegen-Modell nicht. Vor allem sind die mit enormer Anspruchshaltung ausgehandelten Vergünstigungen für Großbritannien hinfällig. Selbst die britischen EU-Parlamentarier haben schon angekündigt, dass sie die Vergünstigungen für GB nicht mehr ratifizieren werden.
Es scheint leider immer deutlicher zu werden, dass vielen Briten nicht klar war, wofür sie stimmen. Angst und Frust sind immer sehr schlechte Ratgeber.


Ich erlaube mir heute einmal eine Aufstellung ganz einfacher Fakten, die Teil meines Lebens waren und sind. Da ich inzwischen einige Jahre auf dem Buckel habe, finde ich es wichtig, einige Dinge sehr deutlich zu nennen.
1. Ich bin ein Nachkriegskind. Meine Eltern waren ausgebombt und hatten bis auf ein paar Teile alles verloren. Mein Vater hat am Russlandfeldzug teilgenommen und von Anfang an gewusst, dass das der Anfang vom Ende war. Er hat das Elend des Krieges nie verwunden und das hat mich stark geprägt.
2. Trümmer und Kriegsversehrte gehörten zum Straßenbild meiner Kindheit genauso wie die Besatzungssoldaten -hier die Engländer. Ich habe als Kind nie ganz verstanden, was das bedeutete, nur, dass es was mit dem Krieg zu tun hatte.
3. Meine erste Erinnerung an schlimme Nachrichten im Fernsehen sind Bilder von Flüchtlingen, die aus Ungarn über ein Feld rennen und dann durch den Stacheldraht kriechen. Ich erinnere mich auch an aufgeregte Gespräche über die Flucht des ungarischen Kardinal Minszentiy vor der kommunistischen Verfolgung in die amerikanische Botschaft.
4.In den ersten Jahren auf dem Gymnasium kamen regelmäßig neue Mitschülerinnen aus der Ostzone, wie das damals hieß, die erzählten, wie die Flucht war und was der Grund war. Wir konnten uns das gar nicht vorstellen.
5. Im August 1961 war ich mit meinen Eltern in Bayern als die Nachricht vom Mauerbau im Radio kam. Zwei Familien waren aus Berlin, die waren völlig verzweifelt und ich habe versucht, das alles zu verstehen, was mir nicht wirklich gelungen ist. Aber es war beängstigend.
6. Zwei Jahre vor dem Abitur haben wir versucht, einer verzweifelten Mitschülerin beizustehen, die erfahren hatte, dass ihr Bruder in einem Ostberliner Gefängnis umgekommen war, offiziell an Herzversagen. Das hat niemand geglaubt. Er studierte in Westberlin und hatte sich einer Fluchthelferorganisation angeschlossen und war erwischt worden. Alle Versuche, ihn rauszuholen sind gescheitert, und dann kam die Todesnachricht.
7. 1962 haben wir die Kubakrise erlebt. Meine Eltern haben nicht mehr an den Fortbestand des Friedens geglaubt und wir haben morgens in der Schule gebetet, obwohl wir kein konfessionelles Gymnasium waren. Es hatten einfach alle Angst.
8. Ziemlich zur gleichen Zeit kam im Fernsehen die erste große und sorgfältig recherchierte Dokumentation über den Holocaust. Ich bin meinen Eltern bis heute dankbar, dass sie großen Wert darauf legten, dass diese Sendung geschaut wurde. Genauso dankbar bin ich meiner großartigen Geschichtslehrerin, dass sie mit uns gründlich erarbeitet hat, was zu dem Sündenfall der deutschen Geschichte geführt hat.
9.Dann kam 1965 der Auschwitzprozess, das große Verdienst von Fritz Bauer. Ich habe alles verschlungen,was es an Büchern darüber und über die Zusammenhänge gab, um das Unfassbare irgendwie greifen zu können.
10. In die 60ger Jahre fällt auch der Kampf der farbigen Amerikaner. 1963 der große Marsch der Bürgerrechtsbewegung nach Washington mit der ergreifenden Rede von Martin Luther King.
11. Der Kampf gegen die Apartheid in Südafrika.
12.Nach dem Abitur habe ich Anglistik und Romanistik studiert und bin einige Zeit im Ausland gewesen. Das war damals wesentlich komplizierter als heute. Diese Zeit hat mir den Blick geöffnet, wie wichtig es ist, über Grenzen hinweg miteinander zu reden und sich zu respektieren, und ich habe deutliches Misstrauen gespürt, weil ich Deutsche war.
13. In dieser Zeit wurde die Idee des vereinigten Europa immer lebendiger und immer mehr Teil des Alltags, Städtepartnerschaft, Schüleraustausch, gegenseitiger Besuch von Studentengruppen.
14. Aber immer noch prägend für die politische Landschaft war der eiserne Vorhang. 1971 war ich mit meinem Mann in Westberlin und wir haben als Bundesdeutsche natürlich die Möglichkeit genutzt, uns auch Ostberlin anzuschauen. Das war unglaublich bedrückend, diese Ausweiskontrolle in einem Ton wie auf dem Kasernenhof. Auf der Straße sind wir von Ostberlinern angesprochen worden, sofort kamen ein paar Vopos und forderten uns auf weiterzugehen. Alles Grau in Grau und fast leere Straßen. Abends waren wir beim Berliner Ensemble. Das war für uns als Brechtfans ein Highlight. Die Aufführung des Arturo Ui ist für uns bis heute unvergessen. Aber die dauerte und dauerte und wir wollten doch keinesfalls vor dem Ende gehen. Wir haben also ständig auf die Uhr geschaut, denn wir mussten vor 24Uhr durch den Tränenpalast an der Friedrichstraße. Der letzte Satz war gesprochen und wir sind aufgesprungen und gerannt über die Brücke und gerade noch rechtzeitig durch diese verdammte Kontrolle. Als wir dann wieder im Westen waren, sind wir erstmal was trinken gegangen und haben die Lichterreklame richtig genossen. Was für ein krankes System!
15. Dann kam die Friedensbewegung, die so viel bewirkt hat. So viele Menschen haben sich eingesetzt für Lösungen durch Verhandlungen und Gespräch, durch Völkerverständigung, durch gegenseitigen Respekt. Die manchmal etwas spinnerten Auswüchse haben da nicht gestört. Dazu gehörten die Studentenunruhen, die ganz wichtig für den Betrieb der Hochschulen waren, die Mitbestimmung usw..
16. Der § 175 wurde erst im Jahre  1994 abgeschafft. Wie viele tragische Geschichten verbinden sich damit. Jetzt propagiert die AfD, sie wolle die rechtliche Gleichstellung der Homosexuellen abschaffen.
17. Als ich meine erste Stelle als Lehrerin antrat, musste mein Mann noch den Vertrag unterschreiben, weil Frauen damals noch die Zustimmung des Mannes für die Berufstätigkeit brauchten. Wir beide haben das unter humoristischer Einlage verbucht, aber bei anderen wurde daraus ein Machtspiel.
18. Der Vietnamkrieg, ein schreckliches Kapitel, unzählige Veranstaltungen und Proteste. Die vietnamesischen Flüchtlinge, die heute mit ihren Kindern und Kindeskindern so selbstverständlich zu uns gehören, ein gutes Ergebnis.
19. Der Höhepunkt des Irlandkonflikts, der blanke Hass zwischen zwei christlichen Religionen.
20. Die Rassenkonflikte in den USA
21 Die Ermordung John F. Kennedys, später seines Bruders Robert und dann die von Martin Luther King.
22.Der Prager Frühling 1968, da war ich in Paris. Es gab riesige Demonstrationen der Studenten, Diskussionen ohne Ende. Was konnten wir schon machen.
23. Der Terror der RAF, der so sinnlos war und manchmal im Alltag zu sehr skurrilen Auswüchsen führte.
24. Dann die kluge Annäherungspolitik an den Ostblock durch Brandt, Bahr und Genscher. Mit dieser klugen Politik hat die Bundesrepublik ihren Platz in Europa gefunden.
25. 1989 waren wir mit unseren Kindern in der Bretagne, als im französischen Fernsehen über die Flüchtlinge in der Prager Botschaft berichtet wurde und ich musste ständig für meinen Mann und die größeren Kinder übersetzen. Dann kamen die schrecklichen Berichte über das Massaker in Peking und wir konnten uns gar nicht vorstellen, dass die Entwicklung in der DDR friedlich verlaufen würde.
Alles was danach kam, hätten wir niemals für möglich gehalten und ich bin sehr froh, dass mein Vater die Wiedervereinigung noch erlebt hat. Ich bin der Meinung, dass die Anstrengungen, die dann über viele Jahre unternommen wurden, um die beiden so verschieden entwickelten Teile Deutschlands wieder zusammenzubringen, allen Anlass für Stolz und Dankbarkeit geben. Sie waren aber nur in einem vereinigten Europa möglich.
Nicht Ausgrenzung und Abschottung macht stark, sondern nur die Freiheit jedes einzelnen zu leben, wo er will, wie er will unter der Voraussetzung, dass die Rücksicht auf die Gemeinschaft aller oberstes Gebot ist. Meine Kinder und Schwiegerkinder haben dank der EU problemlos im europäischen Ausland studieren können.
Freiheit ist Aufgabe und Verantwortung, nicht Anspruch. Freiheit ist der Respekt für den anderen und als oberstes Gebot die Achtung der Menschenwürde und Menschenrechte.  Es hat einen Grund, dass es bei uns den Paragrafen der Volksverhetzung gibt.
Das alles habe ich geschrieben, weil ich nicht alles einfach hinnehmen will und weil mir das vereinte Europa eine Herzensanliegen ist. Jeder soll sich sein eigenes Bild machen und die Parteienlandschaft ist bunt, aber undemokratische Strömungen, die auf Ausgrenzung aus sind, sollten alle meiden, denen an der Bewahrung der Freiheit etwas liegt.
Und jetzt müssen wir hoffen, dass die wirklichen Europäer, nämlich die, denen die immateriellen Werte am Herzen liegen, sich durchsetzten.


Möge die europäische Idee und die Völkerverständigung weiterleben.

Kommentare:

  1. Wieder so ausführlich, emotional engagiert und persönlich hast du geschrieben!
    Und vieles erkenne ich wieder, weil ich es auch erlebt habe...
    Bei mir kommt ja dann auch noch immer das Fachwissen aus dem Studium der Geschichte, Schwerpunkt das Zeitalter des Nationalismus und die Weltkriege, dazu, was meinen Standpunkt, meine Haltung prägt. Ich habe deshalb einen Post zum Jahrestag der Schlacht an der Somme vorbereitet, in dem ich auf besagte Äußerungen auch eingehe.
    Da gibt es einfach unerschütterliche "Werte", über die ich nicht diskutieren kann & mag...
    Alles Liebe!
    Astrid

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  2. DANKE.
    Ein riesiges und großes Dankeschön für diese klugen, aufrüttelnden und so viel Hoffnung machenden Worte!

    Viele herzliche Grüße
    Elena

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