Montag, 18. April 2016

Kindheit

Bei Kebo geht es um die Kindheit. Wo fängt man da an? Auf einmal schießen einem so viele Bilder und Gedanken durch den Kopf. Meine Kindheit war geprägt durch
1. den Rhein
2. Eisblumen
3. Trümmergrundstücke
4. 50ger - Jahre - Mief

1. Meine Eltern hatten das Glück, dass sie ein kriegsbeschädigtes Haus unmittelbar am Rhein mit einem Riesengarten mieten konnten, das sie auch noch bezahlen konnten. Der Garten stieß an den Rheindamm, dahinter kamen die Wiesen mit einem alten Rheinarm und dann der Rhein. Meine Erinnerungen sind geprägt vom Fröschequaken an warmen Sommerabenden, vom Tuckern der Rheinschiffe, von den Nebelhörnern im Winter und der riesigen Wasserfläche, die bei Hochwasser direkt vor unserem Garten endete. Dazu gehören die für den Niederrhein so typischen Kopfweiden, die bei Hochwasser ihre Köpfe aus dem Wasser hielten und aussahen wie gruselige Hexen.
2. In diesem Haus gab es keine Heizung. Nur im Erdgeschoss war in jedem Zimmer ein Ofen. Im 1. Stock waren die Schlafzimmer, dort gab es keine Heizung, dafür im Winter Eisblumen an Wänden und Fenstern. Gerade an den Fenstern fand ich das toll, da musste man vorhauchen, damit ein kleines Loch schmolz. Dadurch konnte man nach draußen gucken. Die Fenster waren mit Kitt im Rahmen eingepasst. Dieses Zeug trocknete und wurde dann bröckelig, sodass die Scheiben ( wohlgemerkt Einfachverglasung) dann wackelten. Ich fand das als Kind ganz romantisch, vor allem,wenn ich mich dann mit Buch und warmer Decke an den Ofen kuscheln konnte. Für meine Eltern war das weniger lustig.
3. Es gab mehrere Trümmergrundstücke in der Nachbarschaft, wo im Mauerwerk Büsche wuchsen und man natürlich auf keinen Fall spielen durfte. Das war so eine Art Aufforderung...... Na, ihr wisst schon. Die Geschichten über das Schicksal der Bewohner hörten wir zwar, aber eigentlich verstanden haben wir sie nicht. Das war vielleicht auch besser so.
4.Wenn ihr vor ein paar Wochen die Sendung Kudamm 56 gesehen habt, dann wisst ihr ungefähr, was ich meine. Das Aufrechterhalten der Fassade - was sollen denn die Nachbarn denken - unverheiratete Frauen sind sitzengeblieben - man muss anständig bleiben ( was immer das heißen sollte) - da wurden dann auch in gut katholischen Familien die jungen Frauen, die schwanger wurden, zur Engelmacherin geschickt (was für ein Wort!). Ich habe als Kind dieses Getuschel über eine junge Frau im Bekanntenkreis nicht verstanden, aber dass irgendetwas Düsteres passierte, war mir klar. Ich bin so froh, dass diese stinkige Zeit vorbei ist. Verlogenheit kann ich nicht vertragen.
Wen es interessiert: Dazu gibt es ein paar tolle Bücher, die diese Atmosphäre sehr lebendig werden lassen. Ich empfehle sie vor allem den jüngeren Frauen, damit nicht vergessen wird, dass die Unterdrückung von Frauen auch bei uns zum Alltag gehörte.
Es gibt nur wenige Bilder aus dieser Zeit, ich hoffe, man kann was erkennen.


Ich hatte offensichtlich ziemlich schlechte Laune. Ich erinnere mich, dass ich als Kind diese Knipserei total blöd fand.


Hier habe ich das Baby der Nachbarn bewundert, der ist heute über 60!!!!! Im Hintergrund seht ihr eins der Trümmergrundstücke.

Hier die Bücher:



Spaziergänge am Rhein gehören bis heute für mich zu dem, was man Erholung nennt.


Ganz herzlich möchte ich Rosi begrüßen, schön, dass du da bist.
Habt eine schöne Woche!

Kommentare:

  1. Du prichst mir aus der Seele, wenn Du den jungen Frauen sagen möchtest, wie sehr wir auch hier für unsere Gleichberechtigung kämpfen mussten, die faktisch noch immer keine ist! Aber gegenüber der 50er ist alles tausendmal besser, herzlich p.

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    1. Besser ist es auf jeden Fall geworden. Aber Du hast Recht, man muss schon achtgeben.
      LG
      Magdalena

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  2. Hallo,
    ich denke mal "das Aufrechthalten der Fassade" ist immer noch vielfach vorhanden. Ich komme in meiner Tätigkeit viel rum und das sehe ich doch einiges. Das nur so am Rande.

    Ich bin auch immer wieder froh und dankbar, dass es meinen Eltern auch nach dem Krieg so gut ging,
    aber ohne meine Oma - die mich leider nie verstanden hat - wäre das nie möglich gewesen. Leider habe auch ich das zu spät erkannt und heute tut es mir sehr leid, wie wir miteinander umgegangen sind.

    Es gibt so vieles was man schreiben könnte, dein Bericht gefällt mir sehr gut.

    Lieben Gruß Eva

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    1. Danke für den Gruß. Es ist immer noch vielen Menschen wichtig, nach außen etwas zu vermitteln, was so toll gar nicht ist. Aber das ist ja auch ein Schutzmechanismus.
      LG
      Magdalena

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  3. Oh Magdalena, was freu ich mich, dass mich da jemand versteht was die Verlogenheit der Fünfziger Jahre anbelangt! Ich reagiere bis heute auf Scheinheiligkeit & Bigotterie allergisch. Und auf junge Frauen, die meinen, Gleichberechtigung sei was Selbstverständliches ( dass wir bis 1977 noch nicht mal ohne Einverständnis des Ehemannes arbeiten durften!!! Und andere Scherze! ), das nicht weggenommen werden kann....
    In einem solchen Kinderwagen habe ich & meine jüngeren Geschwister auch gelegen. Und Eisblumen & Fensterkitt haben mich auch beschäftigt. Den Rhein habe ich aber erst mit knapp neun gesehen. Und er gefällt mir immer noch wie beim ersten Mal.
    Ganz liebe Grüße!
    Astrid

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    1. Ja, da gäbe es noch einiges zu erzählen. Für meine Kinder ist das oft sehr lustig, aber macht da die Erinnerung manchmal ganz schön wütend. Wenn man dann auch noch das Geschwurbel der AfD hört, wird einem ganz anders.
      LG
      Magdalena

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  4. Liebe Magdalena,
    wunderschön hast die deine Kindheit beschrieben.
    Da ich noch etwas älter bin, habe ich auch noch viele
    Erinnerungen an den Krieg. Heute sieht man alles etwas
    "verklärter".
    Einen wunderschönen Abend wünscht dir
    Irmi

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    1. Als Kind nimmt man Dinge ja auch ganz anders wahr, und das ist auch gut so. Was wären wir ohne unsere Erinnerungen?
      LG
      Magdalena

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  5. Liebe Magdalena,
    danke, dass du so viel über deine Kindheit geschrieben hast...ich liebe solche alten Geschichten...meine Eltern haben mir viel zu wenig davon erzählt. Vielleicht wollten sie mich nicht damit belasten...die Kinder sollen es ja mal besser haben und das hatten sie natürlich auch..:-)
    Jetzt hast du aber auch ein bisschen über dein Alter verraten....schmunzel. Ich muss mal schauen, ob ich nicht auch noch ein paar alte Fotos ausgraben kann. Das meiste ist ja bei meinem Vater in Leipzig.
    LG Sigrun

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    1. Ja, man kann es nicht leugnen, die Jahre haben sich einfach aneinander gereiht. Jedes Jahr wieder das richtige Alter.
      LG
      Magdalena

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  6. Liebe Magdalena,
    an Fensterkitt und Eisblumen an den Fenstern kann ich mich noch gut erinnern, auch noch in den Sechzigern (zwinker). Wenn ich heute noch solche Sätze wie: "Das tut (macht) man nicht" oder "Was sollen da bloß die Nachbarn sagen" höre, kriege ich immer noch einen Rappel. So einiges hat mir mein Vater von früher erzählt. Es gibt wohl immer gute und nicht so gute Erinnerungen.
    Viele liebe Grüße
    Ursula

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    1. Es ist wohl wichtig, dass wir einfach einiges behalten und erzählen damit man den Wandel auch mitbekommt.
      LG
      Magdalena

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  7. Liebe Magdalena,
    danke für die Eindrücke aus Deiner Kindheit und den kleinen Einblick in die 50er. Und Fenster mit Einfachverglasung und Eisblumen kenne ich auch, sowie das mit dem Schein und der Fassade, obwohl ich in den Siebzigern geboren bin....
    Bezaubernde Fotos hast Du rausgesucht, ich freue mich sehr, dass Du bei "Typisch für..." mit dabei bist,
    sonnige Grüße aus Südtirol,
    Kebo

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